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Allgemeine Dienstpflicht?! – Ihre Meinung

In den vergangenen Wochen ist in unserer Gesellschaft eine Debatte entstanden, ob die Allgemeine Dienstpflicht, auch bekannt als Soziales Pflichtjahr oder Gesellschaftliches Orientierungsjahr, für junge Menschen nach ihrem Schulabschluss wieder eingeführt werden soll.

Unter anderem hierüber habe ich mich mit den Schülerinnen und Schülern des MSS 12 Leistungskurses Sozialkunde des Kurfürst-Ruprecht Gymnasiums Neustadt bei ihrem letzten Besuch in Berlin ausgetauscht. Die Schülerinnen und Schüler haben hierzu in ihrem Unterricht ein Planspiel durchgeführt und einen Gesetzesentwurf erarbeitet, zu dem sie ihre Positionen und Standpunkte festgehalten haben.

Ich bin sehr beeindruckt von den differenzierten Betrachtungen und freue mich, dass sie mir ihre Ergebnisse zur Verfügung gestellt haben, welche ich Ihnen nachfolgend präsentieren möchte.

Lassen Sie mir auch gerne Ihre Meinung zukommen und schreiben mir doch eine E-Mail an isabel.mackensen-geis@bundestag.de. Ich bin sehr gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Vorschlag und Positionen zu einem Gesellschaftlichen Orientierungsjahr des Leistungskurses Sozialkunde 12 des Kurfürst-Ruprecht-Gymnasiums in Neustadt

Im Rahmen unseres Sozialkundeunterrichts haben wir im Herbst ein Planspiel zum Gesetzgebungsprozess veranstaltet. Dabei war das Thema unseres Gesetzesvorhabens ein sogenanntes Gesellschaftliches Orientierungsjahr. Folgenden Vorschlag haben wir dabei erarbeitet:

(1)          Junge Menschen müssen ein Jahr lang in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz, in einem Zivil- und Katastrophenschutzverband oder in einem anerkannten Träger der Sozial-, Umwelt- und Kulturhilfe im In- und Ausland Dienst tun. Das gesellschaftliche Orientierungsjahr soll die persönliche Entwicklung der Dienstleistenden und das Allgemeinwohl fördern.

(2)          Zu diesem Dienst sollen alle junge Menschen herangezogen werden, die in Deutschland leben. Das bedeutet, unabhängig von ihrem Geschlechtseintrag (und wenn möglich, auch von ihrer Staatsbürgerschaft).

(3)          Die Verpflichteten können selbst entscheiden, ob sie das Dienstjahr sofort nach ihrem 18. Geburtstag antreten oder z.B. erst eine Auszeit nehmen wollen. Nach hinten könnte man einen Rahmen, z.B. das 25. oder 27. Lebensjahr, setzen.

(4)          Im Rahmen der Freiheit der Gewissensentscheidung wählen die Verpflichteten selbst zwischen dem Dienst in den Streitkräften/Bundesgrenzschutz und der Betätigung im Zivil- und Katastrophenschutz /Sozial-, Umwelt- und Kulturhilfe. Die Dienstleistenden an der Waffe sollen dabei weder gegenüber denen des Dienstes ohne Waffe bevorzugt, aber auch nicht benachteiligt werden. 

Nachfolgend haben einige Schülerinnen und Schüler aus dem Kurs Stellung zu diesem Vorschlag genommen:

Benedikt, 17:

Bei der Themenfindung für unser Planspiel war mir wichtig, dass wir ein Thema finden, dass sowohl einen Bezug zu aktuellen Ereignissen hat, als auch möglichst viele Ressorts betrifft. Baustellen gibt es genug: Corona. Pflegenotstand. Der misslungene Abzug der Nato aus Afghanistan. Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal. Der Krieg in der Ukraine. Die Unsicherheit, ob die Bundeswehr unsere Sicherheit überhaupt noch gewährleisten kann. Klimawandel.

Doch – so verschieden diese Krisen alle sind – ihre Auswirkung ist die gleiche: Unsere Gesellschaft wird gespalten. In Geimpfte und Ungeimpfte (auch an den Schulen ist das Streitthema). In Querdenker, Rechts-/Linksextremisten und bürgerliche Kräfte. Alte und Junge. Hochqualifizierte und privilegierte Eliten und Randgruppen ohne Zugang zu kulturellen und finanziellen Ressourcen. Putin-Befürworter und Menschen, die mit der Ukraine stehen. Ausländer und Bio-Deutsche. Stadtkinder und Landeier.

Es war also auf der Hand, dass unsere Maßnahme vor allem 3 Aufgaben hatte:

1.            Spaltung aufheben und dafür sorgen, dass sich mehr Menschen als Teil der Gesellschaft fühlen und auch als solcher gesehen werden.

2.            Probleme angehen und einen krisenfreien Neustart ermöglichen.

3.            Aufholen, was für junge Menschen durch Corona an Bildungschancen und Persönlichkeitsentwicklung ausgeblieben ist.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jetzt die Zeit reif wäre für diesen Vorschlag, den ich schon etwas länger im Kopf hatte. Folgende Vorteile erhoffe ich mir davon nämlich:

–              Ganz verschiedene junge Menschen (Herkunft, Elternhaus, Geschlecht, Behindert/nicht beeinträchtigt usw.) sollen sich kennen lernen und aus ihrer Bubble kommen. Dadurch begreifen sie, welche Lebensrealitäten und -entwürfe es außer der eigenen noch gibt

→ Stärkung von Toleranz

Weniger populäre oder beliebte Berufsfelder sollen bekannt gemacht werden

→ Bekämpfung Personalmangel Bundeswehr/Pflege/soziale Einrichtungen….

–              Außerdem können die Einblicke bei der eigenen Berufsorientierung helfen. Ich selbst bin noch nicht entschlossen, was ich nach der Schule machen will und möchte gerne einmal etwas anderes als Schule – Uni – Job gemacht haben. Ganz geradlinige Lebensläufe sind doch langweilig, oder? Außerdem kann es doch nicht gut sein, dass wir das Gefühl haben, alles muss immer nützlich für unsere Zukunft sein und uns voranbringen. Oft wollen meine Mitschüler alles danach ausrichten, ob es gut im Lebenslauf aussieht oder ihnen Vorteile gegenüber anderen Bewerbern bringt. So ein Gesellschaftsjahr könnte den Druck rausnehmen, Zeit verschaffen und engstirnige „Frühspezialisierung“ verhindern.

–              Jungen Menschen zeigen, was der Staat alles für sie tut (Katastrophenschutz, Bundeswehr, soziales Netz). Und welche Rolle Ehrenamt und Vereine (bspw. mein Musikverein, unser örtlicher Sportverein und das DRK) spielen.

→ mehr Akzeptanz für politische Maßnahmen und größere Bereitschaft, sich später weiter einzubringen?  Aus all diesen Gründen bin ich für die Einführung eines solchen Gesellschaftsjahrs. Auch, wenn ich dann in 2 Jahren im Wald sitzen würde und Nistkästen aufhänge. Oder mit Oma Krause Traumschiff gucken muss. Oder beim Bund im Schlamm herumrutsche. Oder durch eine KZ-Gedenkstätte führe. Bestimmt hätte ich auch nicht immer super viel Lust dazu. Aber am Ende werden wir alle merken, dass unser Leben so viel ereignisreicher war als wenn es gleich wieder in die Uni gegangen wäre. Und wer weiß, vielleicht würde ich ja bei Oma Krause oder meinen Nistkästen hängen bleiben und etwas ganz anderes machen als ich nach der Schule geplant habe?

Margarethe, 19:

Um Wiederholungen vorzubeugen, fasse ich mich kurz: Ich möchte zu Beginn sagen, dass ich die vielen Vorteile sehr wohl sehen kann, die eine Pflicht für dieses gesellschaftliche Orientierungsjahr mit sich bringen kann. Benedikt hat schon sehr gute Punkte genannt. Gerade die doch sehr banale Tatsache, dass dieses Orientierungsjahr dir ganz neue Erfahrungswerte bieten kann, sollte nicht vergessen werden.

Ich kann dennoch nicht behaupten, dass ich von einer Pflicht zu diesem Orientierungsjahr begeistert bin.

Ein soziales Jahr scheint mir nur noch halb so attraktiv, wenn es bereits für mich in einem Lebensabschnitt vorgegeben ist. Die Entscheidung für oder gegen ein FSJ ist für mich ein Prozess an dem ich wachsen kann und für mich Überlegungen anstelle, möchte ich das oder passt es eher gar nicht zu mir. Mit einer Pflicht würde ich vielmehr unter Druck gesetzt werden, was wohl ein gegenteiliger Effekt von dem wäre, was man mit diesem verpflichtenden Jahr erreichen wollen würde. Denn egal wie flexibel es gestaltet werden würde, wie beispielsweise den Zeitraum breit zu fassen, in dem dieses Jahr absolviert werden soll. Es bleibt dabei, dass mir die freie Entscheidung genommen wird, mit der ich mich bewusst für solch ein Jahr entschließe. Mir wird damit ein gewisser Teil meiner Mündigkeit abgesprochen und das ist der zentrale Aspekt, woran ich mich störe, wenn es um diese Pflicht geht. Deshalb lehne ich eine Pflicht ab.

Anna, 17:

Ich schließe mich dem an, was Benedikt eigentlich schon sehr ausführlich dargelegt hat.

 Was mir aber besonders wichtig war:

•             Ein zeitlicher Abschnitt, in dem das Orientierungsjahr abgeleistet werden soll (bis zum 25./ 27. Lebensjahr), sodass man nicht unmittelbar mit dem 18. Geburtstag aus dem rausgerissen wird, in dem man sich befindet (Ausbildung, Schule, je nach Entwicklungsstand des Einzelnen auch das familiäre Umfeld)

•             Eine breite Aufstellung der Angebote (Soziales, Bind, Katastrophenschutz, etc…)

•             Jugendlichen wird die Chance gegeben, sich in die Gesellschaft einzugliedern und sich selbst zu finden

(Alle sozialen Hintergründe -> Integration, Entwickeln von Anpassungsfähigkeit, sozialen Kompetenzen, finden von Kompetenzen, Entwicklung von Leidenschaften, etc…)

•             Kennenlernen der vielen Möglichkeiten, die später auch der Arbeitsmarkt bieten kann (Berufsmessen in Schulen sind da ja meistens nicht so ergiebig)

•             Betreuung der Absolventen: Man kann zwar ein Stück weit selbst agieren, weiß aber auch, dass man sich an jemanden wenden kann bei Fragen oder so

•             Man sollte die Möglichkeit heben, das Tätigkeitsfeld zu wechseln, wenn man merkt, dass man nicht zurechtkommt

•             Ein FSJ im Ausland (bspw. Au-pair) sollte in diesem Rahmen auch anerkannt werden Alles in Allem finde ich die Idee, ein solches Jahr als Verpflichtung zu gestalten gut. Man muss es nur richtig verpacken. Denn, es bringt zwar viele Vorteile für die Absolventen mit sich, kann aber allein durch das Wort „Pflicht“ auch schon zu Abschreckung oder prinzipieller Ablehnung führen, sodass Absolventen es nicht als Entwicklungschance, sondern als Hürde sehen.

Emily, 18:

Ich stimme dem zu, was Benedikt und Anna erwähnt haben. Besonders der zeitliche Abschnitt, in dem das Orientierungsjahr abgeleistet werden soll, ist einer der wichtigsten Punkte. Somit bekommt jeder einen Teil der eigenen Entscheidungsfreiheit zurück, da jede Person für sich selbst entscheiden kann, ob der Fokus vorerst auf einem Studium, einer Ausbildung oder dem Orientierungsjahr liegt.

Des Weiteren sehe ich es als sehr wichtig an, dass sich ALLE Jugendlichen für ein ganzes Jahr für die Gesellschaft einsetzen, bzw. ihren eigenen Beitrag leisten. Der Druck auf die Schüler hat durch die Corona-Zeit aus meiner Sicht zugenommen. Aus diesem Grund sehe ich in dem Orientierungsjahr eine Chance, sich persönlich weiterzuentwickeln und sich selbst wieder zu finden. Sich für die Gesellschaft einzusetzen, kann einem selbst unheimlich viel zurückgeben und besonders in sozialen Bereichen Menschen glücklich machen.

Zuletzt möchte ich betonen, dass viele Schüler auch nach ihrem Abitur nicht immer wissen, was für einen Weg sie einschlagen möchten. Ich bin überzeugt davon, dass dieses Jahr eine große Hilfe sein kann, das RICHTIGE zu finden und somit auch die Zahl an Studienabbrechern verringern kann. Aus all diesen Gründen bin ich für ein verpflichtendes Orientierungsjahr. Mein persönlicher Wunsch wäre hier, dass man während dem Orientierungsjahr Seminare oder Beratungen anbietet, bei denen den jungen Leute nach Bedarf geholfen wird den richtigen Weg für die berufliche Zukunft zu finden. Somit setzt man sich nicht nur für andere Menschen ein, sondern behält auch weiterhin den Fokus darauf, sich nach diesem Jahr für ein geeignetes Studium, einen Ausbildungsplatz oder Sonstiges zu entscheiden.

Anastasia, 17:

An sich finde ich die Idee des Orientierungsjahres (aufgrund  oben bereits ausgeführter Argumente) gut.

Allerdings schließe ich mich Margarethe an und möchte anfügen: Es gibt viele Menschen, die bereits wissen, welchen Beruf sie erlernen und ausüben möchten. Die „Orientierung“ hat somit bereits stattgefunden und ein Orientierungsjahr wäre überflüssig.

 Für Genaueres möchte ich mich selbst als Beispiel anführen: ich habe bezüglich meiner Ausbildung und meinem Beruf bereits einen Plan, der etwa 8 – 10 Jahre (nach dem Abitur) in Anspruch nimmt. Durch das zusätzliche Jahr würde ich ein Jahr verlieren, das ich für meine Ausbildung oder meinen Beruf nutzen könnte. Ein Orientierungsjahr wäre hier mehr Störfaktor, als Hilfe und würde somit das Ziel verfehlen. Mein Vorschlag/Lösungsansatz wäre also bereits bestehende Angebote, wie das FSJ, viel mehr aber unbekanntere Projekte, attraktiver zu machen, trotzdem aber alles auf einer „Freiwilligen-Basis“ zu halten.

Tim, 17:

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen, um deren Auswirkungen abzumildern. Durchaus ist mir hierbei bewusst, dass wir diese Zeiten, die von einigen für schlimm empfunden wurden, besonders die beiden Lockdowns, die einigen Schülern und Erwachsenen psychische Probleme bereitet haben, nicht unvergessen machen können. Trotzdem erhoffe ich mir einige Vorteile von einem solchen Orientierungsjahr, welche ich unten, um es verständlicher darzustellen, in Stichpunkten nochmals auflisten werde. So fehlte einigen Personen die Geselligkeit in Zeiten von Corona. Ein Orientierungsjahr allerdings würde dazu beitragen, dass man während seines Aufenthaltes neue Kontakte und Freundschaften knüpfen kann, was zu einem Freudemoment führt. Natürlich sollte man ein solches Thema und dessen Diskussion differenziert betrachten, da es ja schließlich Auswirkungen auf alle Schulabgänger in der Bundesrepublik Deutschland hat. Auf Grund dieser Tatsache liste ich nun meine Argumente auf.

Pro:

– Soldat aus Volk für Volk

– Zusammengehörigkeitsgefühl wird gestärkt

– Erfahrungen sammeln

– Individuum erkennt, dass es gebraucht wird und Teil des Systems ist

– womöglich kann man die jungen Menschen von einem Berufsfeld begeistern, sodass sie dieses

einmal ausüben möchten

– Begeisterung für das Ehrenamt

Contra:

– Orientierungsjahr greift in persönliche Freiheit ein

– „verlorenes Jahr“ für Studenten/ Azubis

– junge, betroffene Leute fühlen sich nicht beachtet→ Politikverdrossenheit Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass man meines Erachtens ein solches „Projekt“ auf jeden Fall ausprobieren sollte, da für mich die Vorteile überwiegen. Außerdem passt es gut zum Wahlspruch „Mehr Fortschritt wagen“. Natürlich weiß ich aber auch, dass man sich mit einem solchen Entwurf nicht bei allen Personen beliebt macht, da nur wenige Lust auf ein solches Jahr haben. Hierbei sollte man aber beachten, dass die Gesellschaft jedem einzelnen Individuum so viel gibt, sodass man selbst der Bevölkerung etwas zurückgeben kann. Vielleicht gelingt es uns ja dadurch, die im inneren vorliegenden Mauern zwischen der Bevölkerung einzureisen und die Gesellschaft ein Stück weit wieder zu vereinen.